Searchlight

WerktitelSearchlight
Entstehungsjahr1994 - 1986
Künstler
Größe
    Maße variabel (mind. 7 x 12 m Grundfläche)
Material/Technik
    1-Kanal-Video-Ton-Installation: Metallstativ, Aluminiumröhre, modifizierter Schwarzweißmonitor (3"), Projektionslinse, Motor, 2 Laserdisc-Spieler, Synchronisator, Verstärker, 3 Lautsprecher 14:59 min, Loop
Kooperation/Produktionsbeteiligung/Forschungn/a
Eigentümer
    Kunstmuseum Wolfsburg, Germany
Medium/Werkform
Lichtquelle
Lichtoptische Faktoren
Wahrnehmung
Werkhistorie
Dokumentationgaryhill.com: Searchlight, 1986-94, Mixed media installationLink



Kurzbeschreibung

Gary Hill, der Mitte der 1970er-Jahre mit dem Medium Video zu arbeiten begann, setzt sich seitdem mit Abläufen der Wahrnehmung und des Bewusstseins auseinander. Hierbei spielen konzeptionelle Überlegungen eine ebenso tragende Rolle wie die Wirkungsweisen dieses Mediums und die vorhandenen technischen Möglichkeiten, die vor allem bei der Umsetzung seiner Installationen durchaus reflexiv eingesetzt werden. Bewegtes Bild und Sprache, Raum und Zeit bilden die ineinander verschränkten Parameter eines Bezugssystems, mit dem Hill die Mechanismen täglicher Wahrnehmung vor allem technisch erzeugter Bilder hinterfragt.

Zwischen 1986 und 1994 entstand die Videoinstallation Searchlight, in der Hill eine Vielzahl für sein Werk grundlegender Aspekte verknüpft hat.

Ausführliche Beschreibung

Nach dem Betreten des zunächst völlig dunkel erscheinenden Raumes vernimmt man ein synthetisch klingendes, mehr oder weniger stark mit Halleffekten modifiziertes Geräusch, das sich an den Wänden des Raumes bricht. Nachdem sich die Augen der Dunkelheit angepasst haben, wird ein sich langsam bewegender Lichtschein auf der Längswand des Raumes sichtbar. Vor der Mitte der Wand zeichnet sich ein dreibeiniges Stativ ab, auf dem sich etwa in Augenhöhe ein schwarzer Metallzylinder, einem Fernrohr ähnlich, dreht. Die Quelle des auf die Wand projizierten Lichts, ein Schwarz-Weiß-Monitor, befindet sich im Inneren der Metallröhre. Der so auf der Wand erscheinende Lichtkegel nimmt an Größe ab, gleichzeitig aber an Deutlichkeit und Intensität zu, je mehr er sich der Wandmitte nähert. In dem Moment, in dem die Projektion durch die Linse des Metallrohres im 90°-Winkel auf die Wand trifft, erscheint das Bild, das während der letzten Sekunden immer deutlicher wurde, am klarsten: eine leicht bewegte, aus größerer Distanz gesehene Meeresoberfläche, deren Horizontlinie sich exakt in der Mitte der kreisrunden Projektion befindet. Parallel zur zunehmenden Konkretisierung des Bildes verändern sich die elektronisch verzerrten Geräusche von einem elektronischen Hall, der beim Erreichen der Wandenden durch den Lichtschein am größten ist, zu einem leisen, aber klaren Plätschern von Wellen.[1]


Der Ton kommt für den in der Mitte des Raumes stehenden Betrachter stets aus der Richtung der Projektion, ohne dass dessen Quelle sichtbar würde. Da innerhalb des Raumes andere visuelle und akustische Sinneswahrnehmungen ausgeblendet sind, kann und muss sich die Wahrnehmung auf die beschriebenen Signale beschränken. Dennoch wird hier eine „latente Überforderung der Sinneskapazitäten“ spürbar, die zur Überprüfung der eigenen Wahrnehmungsgewohnheiten führt.[2] So kann man feststellen, dass der Projektionsverlauf deutliche Entsprechungen zur visuellen Wahrnehmung des Menschen aufweist: Der Radius des sich hin- und herbewegenden Licht-Bildes, der nahezu 180° entspricht, ist vergleichbar mit dem maximalen Blickfeld, das mit den Augen erfasst werden kann, ohne dass der Kopf bewegt wird.
Eine zweite Parallele betrifft die visuelle Qualität des Gesichtskreises: An den Rändern (Augenwinkeln) ist es unscharf, nach vorn (d. h. auf kürzere Entfernung) am meisten präzise („scharf“). Eine weitere grundsätzliche Analogie liegt in der Konditionierung des Menschen auf den Horizont als Orientierungsparameter, der in dem projizierten Bild die Trennlinie zwischen Luft und Wasser bildet (Letztere sind hier nicht nur als Landschaft, sondern auch als Allegorie deutbar). Auf den Horizont Bezug nehmend verläuft die Projektion absolut waagerecht. Während sich der Horizont des Bildes in der Bewegung der Projektion auflöst (und wieder neu entsteht), bleibt der Bewegungshorizont als Orientierungshilfe konstant. Dem Horizont kommt hier somit als Funktion ein wesentlich größeres Gewicht zu denn als Landschaftselement.[3]
Das in der Dunkelheit zunächst orientierungslose, suchende Auge identifiziert sich mit dem „suchenden Licht“ (searchlight), das in der Mitte des Gesichtsfeldes für eine kurze Dauer einen Teil Realität (eine bewegte Wasseroberfläche, Himmel, zeitweise ein Boot) aufscheinen lässt, d. h. dessen Existenz vermittelt; dann zerfließt, verschwimmt das Bild wie im Nebel, um wiederum neu entstehen zu können. Der kurze Augenblick, in dem das (in sich bewegte und sich bewegende) Bild die größte Klarheit (Präsenz) zeigt, kann mit jenem Moment verglichen werden, in dem eine Welle ihre maximale Höhe erreicht hat, wie eingefroren stillzustehen scheint, um anschließend in sich zusammenzufallen.[4]


Dem Umstand, dass Realität nur durch das Auftreffen von Licht sichtbar wird, trägt Hill hier Rechnung, indem er Licht und das Erkennen von Realität in eins fallen lässt. Das durch das natürliche Orientierungsbedürfnis geleitete Wahrnehmen nutzt Hill, um den Betrachter seiner Arbeit erkennen zu lassen, welchen Konditionierungen dieser bei der Rezeption bewegter Bilder, wie man ihnen täglich begegnet, unterworfen ist.


Searchlight verdeutlicht eine der zentralen Konsequenzen, die Hill aus seinen Ausgangsüberlegungen gezogen hat: „Der Fernseher ist wie ein Bild aus Licht. Er hat eine unglaubliche Anziehungskraft. Mit Projektionen, die vom Alltäglichen abweichen und der Verwendung verschiedener Linsen versuche ich, diesen direkten Bezug und diese unmittelbaren Assoziationen zu brechen. Um den Betrachter von dieser passiven Fixation wegzubringen, schalte ich das Bild an und ab, bewege es im Kreis herum. So wird dieser isolierte Blickpunkt eines Einzelbildes aufgehoben. Dasselbe gilt für die Projektionen, die scharf und unscharf werden und sich nicht fixieren lassen. Das Fixieren eines Bildes wird plötzlich zum Thema, und die Bedeutung der Einzelaufnahme wird untergraben.“[5]  Holger Broeker

Installationsvorgaben

Der völlig dunkle Raum sollte über eine durchgehende Längswand mit ebener Oberfläche von 12–16 m Breite sowie im rechten Winkel dazu zwei Stirnwände von mindestens 7 m Breite verfügen. Exakt vor der Mitte der Längswand wird das Stativ mit der sich drehenden Aluminiumröhre positioniert. Der Abstand der Linse von der Wand beträgt in der 90°-Position der Röhre ca. 60 cm. Das auf die Wand projizierte Bild sollte jedenfalls einen Durchmesser von 20–30 cm haben, der sichtbare Meereshorizont absolut in der Waagerechten liegen. Die Projektion darf während des Betriebs keinesfalls die Stirnwände erreichen, sondern sollte sich unmittelbar vor Erreichen der Raumecke wieder zur Wandmitte bewegen. Der Ton sollte Zimmerlautstärke haben und in dem Moment, in dem das projizierte Bild am deutlichsten erscheint, am klarsten klingen. Der Ton wird durch drei Lautsprecher erzeugt, die in den Wänden verborgen sind: einer in ca. 50 cm Höhe dem Stativ unmittelbar gegenüber, je ein Lautsprecher in den Seitenwänden nahe der Längswand. Das elektronische Equipment einschließlich der Kabel befindet sich ebenfalls in den Wänden und bleibt bis auf das Stativ mit der Aluminiumröhre unsichtbar. Um zu vermeiden, dass Besucher durch das Eintreten in das dunkle Raummilieu die Projektionsapparatur übersehen, kann eine gedimmte Lichtquelle (1–2 Watt) in einer schmalen Metallröhre direkt über der Achse der Apparatur von der Decke abgehängt werden. Der so erzeugte Lichtkegel sollte mit den Füßen des Stativs abschließen und keinesfalls auf die Projektionswand auftreffen.

[1] Äußerungen, nach denen Hill in diesem Werk und explizit an dieser Stelle Text verwendet haben soll, treffen nicht für die endgültige Version der Arbeit zu. Die ursprünglich vorhandenen Textelemente hat Hill letztlich wieder entfernt. Insofern besitzt Hills diesbezügliche Anmerkung in dem Interview mit Catherine Hürzeler heute keine Gültigkeit mehr: „Ursprünglich waren alle Texte selbst geschrieben. Doch auch in neueren Arbeiten wie ,House of Cards‘ und ,Search Light‘ verwende ich wieder eigene.“ (Gary Hill im Interview mit Catherine Hürzeler: „Kann man auf abstrakte Weise surfen? Ein Gespräch mit dem Videokünstler Gary Hill“ in: Kunst-Bulletin, 9, September 1997, S. 12–19, hier S. 14.)

[2] Vgl. Gottfried Boehm, „Zeitigung. Annäherungen an Gary Hill“, in: Gary Hill. Arbeit am Video, hrsg. von Theodora Vischer, Ausst.-Kat. Museum für Gegenwartskunst, Basel, Ostfildern 1994, S. 26–42, hier S. 26.

[3] Vgl. George Quasha und Charles Stein, „Stance Horizontal and Turning. Searchlight, 1986–94“, in: Gary Hill, Ausst.-Kat. Aarhus Kunstmuseum, 1999, S. 49–58, bes. S. 49, 51f., 52.

[4] Vgl. ebd., S. 56.

[5] Gary Hill im Interview mit Catherine Hürzeler (wie Anm. 1), S. 13.

https://www.kunstmuseum-wolfsburg.de/sammlung/gary-hill/searchlight/#&gid=1&pid=1 (30.03.2020)

 

Konzeption/Themen
Besondere Merkmale Kunstwerkn/a